Seine Liebe ist die Oper
Rainer Pudenz, Gründer der Kammeroper Frankfurt, inszeniert Cosi fan tutte im Palmengarten und hasst Regen

Von Stephan Loichinger

Gefallen wird das Wetter zurzeit niemandem außer den Bauern, aber er, er hasst es. An jedem Tag, für den abends eine Aufführung angesetzt ist, schaut Rainer Pudenz aus dem Esszimmerfenster seiner Wohnung in der schmucken Sternstraße. Das Fenster geht nach Westen raus. Zurzeit sind es verstärkt dunkle Regenwolken, die Pudenz auf sich zukommen sieht, auf sich, sein Ensemble, die Aufführungen seiner Kammeroper.
"Im Palmengarten sprechen sie schon von den 'Kammeroper-Wolken' " sagt er und lacht kurz auf, wie über einen schlechten Witz. Zu viel Regen verhagelt ihm ja das Geschäft, er muss dann die Freiluft-Aufführungen in der Konzertmuschel des Palmengartens absagen. So wie einmal in der Woche nach der Premiere der aktuellen Inszenierung, Mozarts "Cosi fan tutte". Und so wie jetzt am Mittwoch.

Auch am Freitagmittag sitzt Rainer Pudenz wieder am Esszimmertisch und schaut aus dem Fenster. Die Wolken sammeln sich schon, und er kennt die düstere Prognose. "Wird schon schief gehen" sagt er und auch, dass es am Mittwoch "sehr ärgerlich" war. Der Regen setzte eine Viertelstunde vor der Aufführung ein, die dann erst gar nicht begann. "Es ist der Horror, hier zu sitzen und zu schauen, wie das Wetter wird." Pudenz rauft sich die verbliebenen grauen Haare. "Es geht nicht nur um den Umsatz, sondern auch um die Zuschauer und das Ensemble." All der Regen ausgerechnet nach so vielen Hochsommerwochen. Er spiele "sehr, sehr gerne" im Palmengarten, seit 14 Jahren schon, "aber wegen des Wetters hab' ich ab und zu gesagt, ich mach' das nicht mehr". Er hat dann doch immer weitergemacht.

Mit 26 Jahren gründete er das zweite Musiktheater in der Stadt

Er kann auch nicht anders. Die Oper, sagt er, "ist nicht nur Beruf, sie ist mein Leben". Das klingt platt, doch im Fall von Rainer Pudenz überzeugend. Er war 26, als er nicht länger Regieassistent an der Oper Frankfurt sein wollte und mit der Kammeroper das zweite Musiktheater in der Stadt begründete. Heute ist der Regisseur 50 Jahre alt, mithin hat er mit dem freien Ensemble die Hälfte seines Lebens verbracht, und noch ein bisschen mehr mit der Oper. Und wie über eine Geliebte, eine Lebenspartnerin spricht Pudenz über sie: "Die Oper hat mich glücklich gemacht. Sie verschafft mir immer noch innere Befriedigung."
Auf dem Esszimmertisch liegen drei Päckchen Zigaretten, Rothändle, blaue und rote Gauloises. Rainer Pudenz nimmt eine von den blauen Gauloises. Die Fotos in der Küche neben dem "La Dolce Vita"-Filmplakat, sind das seine Kinder? "Nein, das sind meine Nichte und mein Neffe, die lieb' ich über alles." Die Kinder seines Bruders, des Fotografen Martin Pudenz. Er selbst hat keine Familie. "Keine Zeit, kein Geld. Eine Familie muss ja auch finanziert werden." Jetzt, mit 50, sagt er, sei es zu spät, auch wegen Kindern. Das wäre absurd, wenn ich 70 bin und sie gehen noch zur Schule". Er attestiert sich auch "einen Hang zum Junggesellen". Mit seinen wildem Haarschopf am Hinterkopf und seinen schwarzen Klamotten sieht er auch danach aus, wie ein Künstler sowieso. "Das Thema der Oper, Frau und Mann, ist auch mein Thema. Ich brauche dafür einen freien Kopf, um nicht eingezwängt zu werden. Ich sehe das alles recht radikal: Die Freiheit, die er für die Regie will, braucht er auch für das Leben? Stimmt, sagt er.
Als Regisseur will Rainer Pudenz "die Oper mit dem Leben verbinden", denn die Oper, das sei "ein Stück Leben, das ist kein Tempeldienst". Und auch sein Leben verbindet sich mit der Oper. Im nächsten Jahr gilt es das 25-jährige Bestehen der Kammeroper zu feiern. Ihr Gründer kündigt ein Buch als eine Dokumentation dieses wohlklingenden Vierteljahrhunderts an. Extra-Konzerte und "eine etwas größere Inszenierung im Palmengarten". Welches Stück es sein soll, steht noch nicht fest.
Das erste Stück der Kammeroper, damals im Jahr 1982, war Georg Philipp Telemanns "Pimpinone" aufgeführt in der Aula der Werner-von-Siemens-Schule vor 50 Leuten. Pudenz erzählt, wie es dazu kam: "Nach drei, vier Jahren als Regieassistent an der Oper hatte ich die Nase voll. Man ist ja nur der Arsch fürs Ensemble. Ich wollte lieber eigene Ideen durchsetzen. Unter Siegfried Schoenbohm durfte ich einmal Regie führen, seitdem bin ich davon nicht mehr los gekommen. Aber die Oper hat mit die hierarchischsten Strukturen, die es gibt." Also hörte er auf, "Einmal traf ich im Oeder Weg, an der Ecke zur Jahnstraße, Andreas Mehling, der hatte ein Orchester. Ich hab' ihm vorgeschlagen, was Eigenes aufzumachen." Mehling ist mittlerweile in Regensburg, bei der Kammeroper blieb er nur für diese eine Produktion, aber es gibt sie heute noch. "Es ist schön, aus einer Idee, aus dem Nichts heraus etwas zu schaffen", sagt Pudenz, der in den Anfangszeiten des Ensembles als Museumswärter nebenher jobbte und sich dabei fürchterlich langweilte.
Mit einem Job, den man macht, weil man halt Geld zum Leben braucht, geriet Pudenz überhaupt erst in den Sog der Oper. Er war mit 15 schon von Zuhause ausgezogen. So früh? "Ich wollte das so." Seine Eltern seien in ihren Lokalen, dem Hahnhof am Scheffeleck und dem Bayerischen Hof in Bad Nauheim, "zu beschäftigt" gewesen. Also heuerte er mit 16 in der Garderobe am Theaterplatz an. "Für mich war Oper damals das Schlimmste, ich hörte nur Pop und Rock." Er wollte auch Popstar werden, einer wie Ian Anderson von Jethro Tull, weswegen er auch Querflöte lernte, allerdings "mit tragischem Ausgang". Er erlag dann "relativ schnell der Faszination der Oper: ihrer Energie und Menschlichkeit, diesem warmen Gefühl".
Von da an, und erst recht seit der Kammeroper, gab es für Pudenz nur noch Oper. Als er zwischen 20 und 30 war, sah er "Tausende von Opern". Er wohnte in einer WG "mit einem Typ, der war auch Opernfanatiker. Wir sprachen von früh bis spät über Opern. Ich sog auf, was ging." Und gab es irgendwo eine interessante Aufführung, fuhren sie hin.
Er liebt die Oper, vielleicht liebt er deswegen Italien. Wo am meisten? "Rom, Rom." Wieso? "Es ist eine warme Stadt. Die Römer lieben und leben ihre Stadt. Und es passieren tagtäglich tausend theatralische Spektakel. Es wird nur gespielt, wie in einer Filmkulisse." Ein größeres Spektakel führten nur die Neapolitaner auf "Die Italiener haben große Lebenslust und den Drang, sich darzustellen. Sie können das auch. Das ist ihre bella figura." Mit 16 war er das erste Mal in Italien, inzwischen fährt er jedes Jahr hin. Er hat die Sprache gelernt, manch eine Frau dort geliebt, Freunde gefunden. Aber ist es zu glauben: jedes Jahr nach Italien, oft auch nach Spanien, aber seit 16 Jahren nicht mehr am Strand gewesen! "Es ist nicht meine Mentalität, mich drei Wochen lang zu legen. Ich besuche dort meine Freunde, und wir besprechen Projekte. Das sind meine Urlaube", sagt Rainer Pudenz.

Opern inszenieren in Florenz: "Das mach' ich nie wieder."

Er hat auch mal zwei Opern in Florenz inszeniert. "Das mach' ich nie wieder", sagt Pudenz. Die Italiener hätten ein "traditionelleres Opernverständnis" und natürlich haperte es beim Organisatorischen: "Einmal kam der Dirigent zur Generalprobe eine Stunde zu spät, weil er Fußball gespielt hat." Pudenz schüttelt den Kopf und schaut aus dem Esszimmerfenster seiner hellen und geräumigen Altbauwohnung im südlichen Nordend. Die ist für ihn allein zu groß und auch ein bisschen zu teuer, weshalb er sich Untermieter zu nehmen pflegt. Er lernt ja gern Leute kennen. Er kocht auch gern - und gut.
Rainer Pudenz schätzt Frankfurt als Arbeitsplatz, auch wenn die Vermieter von Aufführungsorten schon mal unkomplizierter und das Theater vor 20 Jahren "unkommerzieller" gewesen seien. Frankfurt vertrage eine zweite Oper auch gut. "Jede Stadt mit internationalem Anspruch hat zwei Opernhäuser. München, Hamburg, New York." Er kichert. Da war er wieder, Pudenz' Humor.
Und wie lange macht er noch? Da steigt die Röte in den Charakterkopf. "Gute Frage. Ich mach' weiter. Ich langweile mich nicht. Ich genieße und schätze den Freiraum, den ich habe." Freilich habe er sich, nach 25 Jahren, die Frage auch schon gestellt, aber... So wird Rainer Pudenz weiter aus seinem Esszimmerfenster schauen, voller Unruhe.

 

PORTRÄT

  • Rainer Pudenz kam am 16. Juni 1956 in Lünen/Westfalen auf die Welt. Mit seinen Eltern, beide Gastronomen, zog er als Kind viel um, zunächst nach Berlin, dann ins oberbayerische Altötting, schließlich nach Frankfurt, wo er bald heimisch wurde. Er sei ein richtiger Frankfurter, sagt er.
  • Noch vor dem Abitur brach er die Schule ab. Er jobbte in der Garderobe der Oper, wo er für diese Kunstform entflammte.
  • Als Regieassistent unter Giancarlo del Monaco und Siegfried Schoenbohm lernte er das Inszenieren lieben, hatte aber nach drei, vier Jahren das Bedürfnis, eigene Ideen umzusetzen.
  • Die Kammeroper Frankfurt gründete er 1982. Das auf die Komische Oper, zumal von Rossini und Donizetti, spezialisierte Ensemble hat rund 80 Stücke auf wechselnden Bühnen aufgeführt. Das Publikum schätzt die frischen Inszenierungen und unkonventionelle Ausstattung.

Übrigens...

Was hat Sie bloß so lange in Frankfurt gehalten?
Frankfurt ist eine gute Stadt. Sie lässt so etwas wie die Kammeroper zu. Hier leben gute Leute, die man, weil es so überschaubar ist, auch trifft. Durch die Frankfurter Schule sind viele philosophisch interessierte Leute hierher gezogen, das macht sich bemerkbar.

Sie lieben Italien. Wo ist es in Frankfurt am italienischsten?
Bei meinem Freund Rodolfo Dolce -(ein Rechtsanwalt, d. Red.) zu Hause.

Ihr liebstes italienisches Restaurant?
Ich probiere sie alle gern.

Wenn Sie kochen, kaufen Sie wo ein?
In der Kleinmarkthalle. Da ist ein Metzger, der ist billiger als alle.
Und Gemüse bei Frau Frieser. Sie liebt Künstler.

© 2006 Kammeroper Frankfurt e.V.