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Auch
am Freitagmittag sitzt Rainer Pudenz wieder am Esszimmertisch und
schaut aus dem Fenster. Die Wolken sammeln sich schon, und er kennt
die düstere Prognose. "Wird schon schief gehen" sagt
er und auch, dass es am Mittwoch "sehr ärgerlich"
war. Der Regen setzte eine Viertelstunde vor der Aufführung
ein, die dann erst gar nicht begann. "Es ist der Horror, hier
zu sitzen und zu schauen, wie das Wetter wird." Pudenz rauft
sich die verbliebenen grauen Haare. "Es geht nicht nur um den
Umsatz, sondern auch um die Zuschauer und das Ensemble." All
der Regen ausgerechnet nach so vielen Hochsommerwochen. Er spiele
"sehr, sehr gerne" im Palmengarten, seit 14 Jahren schon,
"aber wegen des Wetters hab' ich ab und zu gesagt, ich mach'
das nicht mehr". Er hat dann doch immer weitergemacht.
Mit
26 Jahren gründete er das zweite Musiktheater in der Stadt
Er
kann auch nicht anders. Die Oper, sagt er, "ist nicht nur Beruf,
sie ist mein Leben". Das klingt platt, doch im Fall von Rainer
Pudenz überzeugend. Er war 26, als er nicht länger Regieassistent
an der Oper Frankfurt sein wollte und mit der Kammeroper das zweite
Musiktheater in der Stadt begründete. Heute ist der Regisseur
50 Jahre alt, mithin hat er mit dem freien Ensemble die Hälfte
seines Lebens verbracht, und noch ein bisschen mehr mit der Oper.
Und wie über eine Geliebte, eine Lebenspartnerin spricht Pudenz
über sie: "Die Oper hat mich glücklich gemacht. Sie
verschafft mir immer noch innere Befriedigung."
Auf dem Esszimmertisch liegen drei Päckchen Zigaretten, Rothändle,
blaue und rote Gauloises. Rainer Pudenz nimmt eine von den blauen
Gauloises. Die Fotos in der Küche neben dem "La Dolce
Vita"-Filmplakat, sind das seine Kinder? "Nein, das sind
meine Nichte und mein Neffe, die lieb' ich über alles."
Die Kinder seines Bruders, des Fotografen Martin Pudenz. Er selbst
hat keine Familie. "Keine Zeit, kein Geld. Eine Familie muss
ja auch finanziert werden." Jetzt, mit 50, sagt er, sei es
zu spät, auch wegen Kindern. Das wäre absurd, wenn ich
70 bin und sie gehen noch zur Schule". Er attestiert sich auch
"einen Hang zum Junggesellen". Mit seinen wildem Haarschopf
am Hinterkopf und seinen schwarzen Klamotten sieht er auch danach
aus, wie ein Künstler sowieso. "Das Thema der Oper, Frau
und Mann, ist auch mein Thema. Ich brauche dafür einen freien
Kopf, um nicht eingezwängt zu werden. Ich sehe das alles recht
radikal: Die Freiheit, die er für die Regie will, braucht er
auch für das Leben? Stimmt, sagt er.
Als Regisseur will Rainer Pudenz "die Oper mit dem Leben verbinden",
denn die Oper, das sei "ein Stück Leben, das ist kein
Tempeldienst". Und auch sein Leben verbindet sich mit der Oper.
Im nächsten Jahr gilt es das 25-jährige Bestehen der Kammeroper
zu feiern. Ihr Gründer kündigt ein Buch als eine Dokumentation
dieses wohlklingenden Vierteljahrhunderts an. Extra-Konzerte und
"eine etwas größere Inszenierung im Palmengarten".
Welches Stück es sein soll, steht noch nicht fest.
Das erste Stück der Kammeroper, damals im Jahr 1982, war Georg
Philipp Telemanns "Pimpinone" aufgeführt in der Aula
der Werner-von-Siemens-Schule vor 50 Leuten. Pudenz erzählt,
wie es dazu kam: "Nach drei, vier Jahren als Regieassistent
an der Oper hatte ich die Nase voll. Man ist ja nur der Arsch fürs
Ensemble. Ich wollte lieber eigene Ideen durchsetzen. Unter Siegfried
Schoenbohm durfte ich einmal Regie führen, seitdem bin ich
davon nicht mehr los gekommen. Aber die Oper hat mit die hierarchischsten
Strukturen, die es gibt." Also hörte er auf, "Einmal
traf ich im Oeder Weg, an der Ecke zur Jahnstraße, Andreas
Mehling, der hatte ein Orchester. Ich hab' ihm vorgeschlagen, was
Eigenes aufzumachen." Mehling ist mittlerweile in Regensburg,
bei der Kammeroper blieb er nur für diese eine Produktion,
aber es gibt sie heute noch. "Es ist schön, aus einer
Idee, aus dem Nichts heraus etwas zu schaffen", sagt Pudenz,
der in den Anfangszeiten des Ensembles als Museumswärter nebenher
jobbte und sich dabei fürchterlich langweilte.
Mit einem Job, den man macht, weil man halt Geld zum Leben braucht,
geriet Pudenz überhaupt erst in den Sog der Oper. Er war mit
15 schon von Zuhause ausgezogen. So früh? "Ich wollte
das so." Seine Eltern seien in ihren Lokalen, dem Hahnhof am
Scheffeleck und dem Bayerischen Hof in Bad Nauheim, "zu beschäftigt"
gewesen. Also heuerte er mit 16 in der Garderobe am Theaterplatz
an. "Für mich war Oper damals das Schlimmste, ich hörte
nur Pop und Rock." Er wollte auch Popstar werden, einer wie
Ian Anderson von Jethro Tull, weswegen er auch Querflöte lernte,
allerdings "mit tragischem Ausgang". Er erlag dann "relativ
schnell der Faszination der Oper: ihrer Energie und Menschlichkeit,
diesem warmen Gefühl".
Von da an, und erst recht seit der Kammeroper, gab es für Pudenz
nur noch Oper. Als er zwischen 20 und 30 war, sah er "Tausende
von Opern". Er wohnte in einer WG "mit einem Typ, der
war auch Opernfanatiker. Wir sprachen von früh bis spät
über Opern. Ich sog auf, was ging." Und gab es irgendwo
eine interessante Aufführung, fuhren sie hin.
Er liebt die Oper, vielleicht liebt er deswegen Italien. Wo am meisten?
"Rom, Rom." Wieso? "Es ist eine warme Stadt. Die
Römer lieben und leben ihre Stadt. Und es passieren tagtäglich
tausend theatralische Spektakel. Es wird nur gespielt, wie in einer
Filmkulisse." Ein größeres Spektakel führten
nur die Neapolitaner auf "Die Italiener haben große Lebenslust
und den Drang, sich darzustellen. Sie können das auch. Das
ist ihre bella figura." Mit 16 war er das erste Mal in Italien,
inzwischen fährt er jedes Jahr hin. Er hat die Sprache gelernt,
manch eine Frau dort geliebt, Freunde gefunden. Aber ist es zu glauben:
jedes Jahr nach Italien, oft auch nach Spanien, aber seit 16 Jahren
nicht mehr am Strand gewesen! "Es ist nicht meine Mentalität,
mich drei Wochen lang zu legen. Ich besuche dort meine Freunde,
und wir besprechen Projekte. Das sind meine Urlaube", sagt
Rainer Pudenz.
Opern
inszenieren in Florenz: "Das mach' ich nie wieder."
Er
hat auch mal zwei Opern in Florenz inszeniert. "Das mach' ich
nie wieder", sagt Pudenz. Die Italiener hätten ein "traditionelleres
Opernverständnis" und natürlich haperte es beim Organisatorischen:
"Einmal kam der Dirigent zur Generalprobe eine Stunde zu spät,
weil er Fußball gespielt hat." Pudenz schüttelt
den Kopf und schaut aus dem Esszimmerfenster seiner hellen und geräumigen
Altbauwohnung im südlichen Nordend. Die ist für ihn allein
zu groß und auch ein bisschen zu teuer, weshalb er sich Untermieter
zu nehmen pflegt. Er lernt ja gern Leute kennen. Er kocht auch gern
- und gut.
Rainer Pudenz schätzt Frankfurt als Arbeitsplatz, auch wenn
die Vermieter von Aufführungsorten schon mal unkomplizierter
und das Theater vor 20 Jahren "unkommerzieller" gewesen
seien. Frankfurt vertrage eine zweite Oper auch gut. "Jede
Stadt mit internationalem Anspruch hat zwei Opernhäuser. München,
Hamburg, New York." Er kichert. Da war er wieder, Pudenz' Humor.
Und wie lange macht er noch? Da steigt die Röte in den Charakterkopf.
"Gute Frage. Ich mach' weiter. Ich langweile mich nicht. Ich
genieße und schätze den Freiraum, den ich habe."
Freilich habe er sich, nach 25 Jahren, die Frage auch schon gestellt,
aber... So wird Rainer Pudenz weiter aus seinem Esszimmerfenster
schauen, voller Unruhe.
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